"In der Architektur gibt es nur zwei Kriterien, sie ist entweder menschlich oder unmenschlich."
 (Alvar Aalto)                                                                                                                                                    

Der Moloch II

sind Bild-/Textmontagen zum Thema militaristische und menschenverachtende Architektur. Die wilhelminische Architektur mit ihrer nationalistisch-monarchistisch geprägten Ausrichtung und die nationalsozialistische Architektur mit ihrer Blut- und Bodenideologie wird anhand von subjektiver Fotografie von architektonischen Beispielen mit historischer und zeitgenössischer Lyrik und Texten montiert, seziert, dekonstruiert. Kurz ausgedrückt: in gleichsam entwaffnende Zusammenhänge gestellt.

Vom Germanenkult bis zu einer mystisch-kämpferischen und verdrehten Pseudoreligiösität inklusive der vermeintlich "Vier deutschen Tugenden“: Tapferkeit, Opfermut, Glaubensstärke und Volkskraft wurden für diese Architektur alle Elemente genutzt, die unter dem Zeichen des Kreuzes eine „deutsch-völkische“ Idee symbolisieren um eine antidemokratische, bedrohliche  und kriegsvorbereitende Atmosphäre zu schaffen.

Architekten und Bildhauer wie Bruno Schmitz, Franz Metzner, Richard Kuöhl, Clemens Klotz und Wilhelm Kreis wurden Handlanger des Machtapparats. Architektur als mentale Kriegsvorbereitung eines "bedrängten deutschen Volks" oder als architektonische Untermauerung des monarchistischen bzw. nationalsozialistischen Apparats war das Ziel der wilhelminischen und nationalsozialistischen Auftraggeber. Man könnte hoffen, diese blut- und militarismustriefende Architektur hätte mit den schrecklichen Erfahrungen des 1. Weltkriegs ein Ende gefunden. Doch dem war ganz und gar nicht so: fast anstandslos wurden die alten, militaristischen Werte in die Weimarer Republik weitergetragen. Hand in Hand, mit gleicher Gesinnung, wurde weitergeplant und gebaut ("Reichsehrenmal Tannenberg"), um sich, insbesondere bei den "Staatsdenkmälern", in einen noch unerträglicheren Wahn beim Bau des "3. Reichs" zu steigern.

Diesen Bauten, ob in wilhelminischer oder nationalistischer Ausprägung ist eines gemeinsam: sie haben ihre ideologische Wirkung bluttriefender Architektur bis heute nicht verloren: sie sind bis dato Kultstätten für Nationalisten und Faschisten. Neonazis versammeln sich unter ihnen.

Vor über 20 Jahren entstand anhand des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig der "Moloch I". Damals war es unvergleichlich mühseliger, über die Bibliotheken an fundierte Literatur und Architelkturbetrachtungen zum dem Thema an Informationen zu kommen. Grundsätzlich erschien mir das Thema nur in kleineren Fachkreisen diskutiert und reflektiert. Es gab nur zaghafte Versuche, einen Umgang mit diesem dunklen Erbe deutscher Architektur zu finden. Meine damalige Quintessenz, dass "nach dem 2. Weltkkrieg keine systematische, durchgreifende Auseinandersetzung mit diesem Thema stattgefunden hat", muß im Jahr 2021 insofern revidiert werden, als dass es in den letzten 20 Jahren nicht nur in Kreisen des Fachpublikums weitere Diskussionen und Arbeiten zum Thema gab, auch politisch-historisch interessierte Bürger und lokale Historiker haben sich mit den Themen beschäftigt. Dennoch scheinen sich die Auseinandersetzungen auf relativ wenig Objekte zu beschränken: das "39er-Denkmal" am Reeser Platz in Düsseldorf und der "Klotz" am Dammtor in Hamburg sind zwei dieser wenigen Beipiele.

Ansonsten finden sich - insbesondere an nationalsozialistisch geprägten Objekten - mehr oder weniger verschämt angebrachte Hinweisschilder, die auf auf den faschistischen Ursprung der Bauten hinweisen. Die Erklärungen zu den wilhelminischen Machtarchitekturen finden sich selten und wenn, dann in eher rein historisch-chronologischer Aufzählung der Entstehung. Die bekanntesten, größten und wirkungsvollsten Objekte wie z.B. das Völkerschlachtdenkmal oder das Deutsche Eck sind heute zigtausendfach bunt abgelichtete, reine Touristenattraktionen mit Gruselfaktor - je nach historischem Bewußtsein.

Wie sollte die Auseinandersetzung mit diesen Bauten aussehen? Offensiv und positioniert, deutlich und unübersehbar!
Anschläge und Abrißforderungen? Die gab über die Jahrzehnte in vielen Städten: Plattmachen - bestenfalls ein "gutes" Denkmal auf dieselbe Stelle setzen, ist eine der propagierten Forderungen. Mich erinnern solche Aktionen an geschichtsvergessenes "unter den Teppich kehren". Was man nicht sehen kann, gab es auch nie: eine erschreckende Vorstellung:

Drost: Da kommt man ja fast schon in psychologische, psychoanalytische Bereiche, also das Verdrängen unliebsamer Erinnerungen, das Ausblenden. Kann man denn zum Beispiel durch einen Abriss Geschichte vergessen lassen?

Nerdinger: Das ist ja immer in der Geschichte auch versucht und auch gemacht worden. In der jüngsten Geschichte hat man eben nach Beendigung der NS-Zeit die Reichskanzlei, aber auch in München beispielsweise die sogenannten Ehrentempel gesprengt und abgerissen. Die Geschichte war damit keineswegs beseitigt, sondern Freud sagt ja, vieles, was verdrängt ist, kommt dann wieder hervor, was man unter den Teppich gekehrt hat. Und deswegen ist es sinnvoll, gerade beim Umgang mit negativer Geschichte, sich hier praktisch vorwärtsgehend damit auseinanderzusetzen. Nur so kann man auch die Geschichte verarbeiten.

(Winfried Nerdinger im Gespräch mit Mascha Drost, 15.8.2018, Deutschlandfunk)

Diese Aussage wirft einen Ausblick auf die große Streitfrage, welche Aufgabe heute Denkmäler im öffentlichen Raum überhaupt noch haben. Ekkehard Mai bemerkte dazu in "Vom Bismarckturm zum Ehrenmal, Denkmalformen bei Wilhelm Kreis":

"Mahnmale des Gedenkens wurden fortgeschrieben, nahmen neue Formen an, wurden auch weiterhin öffentlich platziert - allein die Auseinandersetzung und Anerkennung fand nach 1945 eher verschwiegen statt. "Staat" war damit nicht zu machen. Frage freilich ist, ob andere Formen platzbeherrschend wurden, um Denkmal auch im Umkehrsinn zu sein."

Klemens Kordt, Juni 2021




Gesamtansichten der Denkmäler



Kriegerdenkmal ("39er Denkmal"), Düsseldorf, Reeser Platz, Stadtteil Golzheim



Kaiser-Wilhelm-Denkmal, Dortmund Hohensyburg



Kriegerdenkmal in Dortmund-Großholthausen



Kaiser-Wilhelm-I.-Denkmal am Deutschen Eck, Koblenz


Kriegerdenkmal, Dortmund-Oespel



Hauptfriedhof Bochum am Freigrafendamm, Eingangstor


Hauptfriedhof Bochum am Freigrafendamm,
große und kleine Trauerhalle, Verbindungsgebäude



Kriegerdenkmal in der Ruine Hohensyburg, Dortmund



Kriegerdenkmal am Dammtor, Hamburg


Gegendenkmal, Deserteursdenkmal und Kriegerdenkmal am Dammtor, Hamburg